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Nur Mut!

Pandemien, Kriege, Flüchtlingsströme, Klimawandel – die Welt scheint im Dauerkrisenmodus, nur mit der Abwendung von Katastrophen beschäftigt. Das Problem, das daraus erwächst: ständiges Kreisen um das Existenzielle, Resignation, Angst. Allein auf das Negative gerichtet, lässt sich Zukunft aber nicht gestalten

Nur Mut!
Rolf Najork
Rolf Najork, Geschäftsführer der Robert Bosch GmbH

Der Blick zurück: Washington, D.C. März 1972. Donella und Dennis Meadows veröffentlichten eine vom Club of Rome beauftragte Studie: „Die Grenzen des Wachstums“, die Geburtsstunde der Umweltbewegung. Ein neuer Sound ertönt, warnend vor scheinbar unausweichlicher Zerstörung: steigende Meeresspiegel, überflutete Inseln, lebensbedrohliche Hitzewellen.

Mit Zuversicht Zukunft gestalten

So sicher die wissenschaftliche Erkenntnis jener Tage, so wenig sichtbar das Handeln: Die Bevölkerung wächst, die Temperaturen klettern, die Emissionen nehmen zu. Ist der Appell zur Umkehr ungehört verhallt? Umstritten sind Aussagen dieser Studie bis heute, teilweise widerlegt. Aber ein Konsens besteht, auch 50 Jahre danach: Ein „weiter so“ geht nicht, führt zu extremen klimatischen Bedingungen, die Gesellschaft an ihre Grenzen. Was also tun? Apokalyptische Szenarien sind keine Triebfeder. Für einen „Aufbruch“, einen „Neustart“ müssen wir unseren Fokus ins Positive wenden.

Menschen brauchen Hoffnung und Zuversicht: Sie wollen sich einsetzen. Nicht nur gegen, vor allem auch für etwas. Das motiviert. Und Menschen brauchen eine Form der Gelassenheit – so unbezwingbar die Aufgaben auch scheinen mögen. Einen Schritt zurücktreten, innehalten, besonnen und bedacht handeln: Nur mit klarem Blick können wir konstruktiv die Herausforderungen unserer Zeit meistern. Wir müssen Vorstellungen von einer besseren Welt entwerfen – und von den Säulen, die sie tragen.

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Eine wichtige Rolle spielt hierbei die Industrie. Mit über sechs Millionen Beschäftigten und rund 40 Prozent direktem und indirektem Anteil an der Wertschöpfung ist die Industrie Jobmotor und Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Aber die Industrie verbraucht auch den meisten Strom, über 20 Prozent der CO2-Emissionen gehen auf ihr Konto. Der ökologische Umbau funktioniert nur, wenn wir hier ansetzen. Auf die Industrie kommt es an. Mit dem zeitnahen Abschied der Menschheit von fossilen Brennstoffen bricht ein neues Zeitalter an.

Das, was jahrelang unsere Ökonomie und unseren Wohlstand befeuert hat, steht auf dem Prüfstand. Die fünfte industrielle Revolution setzt auf nachwachsende Rohstoffe – und auf das „Lego-Prinzip“: Wir kombinieren Bestehendes, vereinen das Beste aus den vier vorangegangenen industriellen Revolutionen. Wir müssen nicht alles neu erfinden. Für eine grüne Zukunft ist vieles bereits vorhanden, und vieles ist gut. Mitnichten gut genug, aber in der Gesamtheit bilden diese Träger ein stabiles Fundament, Ausgangspunkt für den „großen Wurf“.

Die fünfte industrielle Revolution setzt auf nachwachsende Rohstoffe - und auf das „Lego-Prinzip".
Rolf Najork, Geschäftsführer der Robert Bosch GmbH

Beispiel Digitalisierung: Seit Jahren gepriesen und gefordert, entfalten digitale Werkzeuge im Klimaschutz ihre volle Kraft. Sie helfen Wirtschaft und Gesellschaft, den ökologischen Fußabdruck zu verkleinern. Industrie 4.0 macht es vor. Physische Komponenten werden durch Software und Information ersetzt. Maschinen lassen sich aus der Ferne warten und „over the air“ aktualisieren. Ganze Fabriken entstehen virtuell, entworfen mit Hilfe digitaler Zwillinge und optimiert im laufenden Betrieb. Was 1972 noch die Vorstellungskraft sprengte, ist heute Stand der Technik. Intelligenz wird zunehmend von der Hardware in die Software verlagert.

Das spart Zeit und Kosten, schont Ressourcen. „Dematerialisierung“ schützt das Klima. Aus Materie werden Bits und Bytes, die für Transparenz sorgen. Mit Sensoren ausgestattete Maschinen erfassen Daten. Intelligente Software bereitet sie auf, KI wertet sie aus. Der Energiebedarf in Fabriken lässt sich so besser vorhersagen, Abweichungen in Verbrauchsmustern von Maschinen werden frühzeitig erkannt und korrigiert. Im Bosch-Werk in Homburg beispielsweise ließ sich auch mit der Industrie-4.0-Software NEXEED der Energieverbrauch um über 40 Prozent pro hergestelltes Produkt senken.

Die Fabrik der Zukunft ist grün und flexibel

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Energieeffizienz ist der Kern klimafreundlicher Produktion. Seit 2020 ist Bosch als erster globaler Industriekonzern mit seinen weltweit rund 400 Standorten klimaneutral. Rund eine Milliarde Euro investiert das Unternehmen bis 2030 in Maßnahmen, die die Energieeffizienz seiner Anlagen und Gebäude steigern. Die reduzierte Energiemenge von 1,7 Terawattstunden entspricht dem jährlichen Stromverbrauch privater Haushalte einer Großstadt wie Köln mit rund einer Million Einwohner. Nachhaltig produzieren zahlt sich also aus.

Die Fabrik der Zukunft ist grün und flexibel. Nur noch Boden, Decke und Wände sind statisch und fest, alles andere ist wandelbar. Maschinen ordnen sich immer wieder neu, konfigurieren sich selbst – je nachdem, was gerade gefertigt werden muss. Die Anlagen werden langlebiger, der Verbrauch von Rohstoffen zur Herstellung neuer Hardware sinkt. Die modulare Fertigung läutet das Ende der alten Welt ein – und den Beginn einer neuen: Wachstum und Wohlstand bei abnehmendem Einsatz von Ressourcen. Aus weniger wird mehr. Die Formel funktioniert. Bosch zum Beispiel hat eine Multiproduktionslinie entwickelt, mit der sich aus über 2 000 Komponenten mehr als 200 verschiedene Produktvarianten fertigen lassen – und das ohne Umrüstung der Anlage, inklusive einer Produktivitätssteigerung von zehn Prozent. Wachstum und Klimaschutz sind kein Widerspruch.

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Gefertigt wird in den Industriehallen aber nicht nur für die eigene Branche, sondern mehr denn je für die ökologische Transformation aller Wirtschaftssektoren. Die Industrie entwickelt und produziert Technologien, um Energie zu gewinnen, zu speichern und zu verteilen, für den schonenden Materialeinsatz und Recycling, sie elektrifiziert die Mobilität und stattet Fahrzeuge mit alternativen Antrieben aus. Umwelttechnik „Made in Germany“ ist weltweit gefragt. Boston Consulting und der VDMA rechnen allein für den Maschinen- und Anlagenbau mit einem Marktpotenzial der Dekarbonisierung bis 2050 von über 300 Milliarden Euro. Jährlich. Der Umbau der gesamten Wirtschaft ist ohne industrielle Produkte und Dienstleistungen undenkbar. Die Industrie ist Motor für eine klimafreundliche Welt. Jetzt gilt es, passende Rahmenbedingungen zu schaffen: beschleunigter Ausbau erneuerbarer Energien bei kurzfristig gleichzeitiger Nutzung von „Brückentechnologien“ zur Versorgungssicherheit. Massiver Ausbau der Infrastruktur, mehr Geschwindigkeit bei Planung und Genehmigung und weniger Bürokratie.

Nationale Energie- und Umweltvorhaben gepaart mit internationalem Rohstoffimport und Diversifikation bei Lieferanten. Das Ziel: Wir stellen die Energieversorgung auf verschiedene Standbeine, verringern Abhängigkeiten. Es geht also nicht mehr um ein „Entweder-oder“, sondern um ein austariertes „Sowohl-als-auch“. Setzen wir die einzelnen Bausteine richtig zusammen, dann kann es gelingen, Ökologie, Ökonomie und Soziales zu verbinden, menschliches Handeln und Umwelt zu versöhnen. Wir müssen Fahrt aufnehmen und Herausforderungen mit einem neuen Spirit angehen – vorwärtsgewandt, zuversichtlich, tatkräftig. Zukunft entwerfen. Positiv. Das setzt Kräfte frei, zündet Innovationen. Innovationen, die nicht nur den CO2-Ausstoß reduzieren, sondern die Resilienz der Gesellschaft im Hinblick auf die Auswirkungen der Erderwärmung erhöhen. Sich vorbereiten, wappnen, krisenfest machen. Wir haben es selbst in der Hand. Küstenregionen weiter besiedeln. Flächen für die Landwirtschaft schaffen und erhalten. Schmelzwasser aus Gletschern nutzen. All dies darf keine Utopie sein. Vieles wartet nur darauf, erdacht und entwickelt zu werden.

Über den Autor:
Rolf Najork ist Geschäftsführer der Robert Bosch GmbH. Er ist zuständig für den Unternehmensbereich Industrial Technology, ist Fertigungschef der Bosch-Gruppe und verantwortet Aktivitäten im Rahmen der Hydrogen-Initiative.

Erstveröffentlichung des Gastbeitrags in gekürzter Fassung in der WirtschaftsWoche am 10. Juni 2022.

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